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Literatur:

(H) = im Hunsche-Archiv in Lengerich vorhanden

Hunsche, F. E.: Auswanderungen aus dem Kreis Steinfurt. 1983 (H)

Faller, Karl: Deutsche in Brasilien. Hunsrücker, Pfälzer, Schwaben und Pommern als Kolonisten seit 1824 .Begegnungen 150 Jahre später. Simmern 1974. (H)

Fouquet, Carlos: Der deutsche Einwanderer und seine Nachkommen in Brasilien, 1808-1824-1974. Sao Paulo und Porto Alegre 1974. (H)

Keller, Hansheinz: Neue Heimat Brasilien. Bad Kreuznach 1963.

Keller, Hansheinz: Hunsrücker Auswanderung im 19. Jahrhundert nach Brasilien. In: Der Hunsrück 1 (1965), S. 187-215.

Klug, Ernst: Rheinhessische Auswanderungen nach Brasilien und Algerien 1845-1847. In: Heimatjahrbuch Alzey 1962, S. 56-67.

Hell, Heinz: Stärker als die Wildnis. Deutsche Siedler in Südamerika. verlag Grenze und Ausland, Berlin, 1938 (H)

Oberacker, Karl H.: Freunde der deutschen Kultur in Brasilien. 1982 (H)

Sudhaus, Fritz: Deutschland und die Auswanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert. Hans-Christians-Verlag, Hamburg, 1940 (H)

Hunsche, Carlos H.: Pastor Heinrich W. Hunsche e os comecos da Igreja Evangelica no Sul du Brasil. (H)

Wolf, Wilhelm: Deutsche Einwanderer in Sao Leopoldo 1824 - 1937. Verlag Degener & Co., 1964 (H)

Oberacker, Karl H.: Der deutsche Beitrag zum Aufbau der brasilianischen Nation. 1955 (H)

Hunsche, Carlos H.: Ritter / Roth und Kessler. Zwei 1846 nach Brasilien eingewanderte Familien und deren rheinische Vorfahren. (H)

Hunsche, Carlos H.:Trein / Moog. Eine 1825 nach Brasilien ausgewanderte Familie und deren rheinische Vorfahren. (H)

Fouquet, Carlos:Dr. Hermann Blumenau. (H)

Wolff, Herbert: Pioniere im Lande der Gauchos. Deutsche Ansiedler im brasilianischen Urwald. (H)

Die Reise des Johann Adam Kuhn nach Brasilien

Das Dorf Hahn auf dem Hunsrück mit seiner Simultankirche. Das Fachwerkhaus links ist das Geburtshaus von Johann Adam Kuhn
Das Schiff Epaminonds brachte die Auswanderer nach Brasilien.

Im „Coblenzer Amts-Blatt Nr. 35 vom 26. August 1828“ finden wir in einer Liste die Namen von 48 Menschen welche im Zusammenhang mit der Überfahrt den Tod fanden. Es waren überwiegend Hunsrücker welche mit dem Schiff Epaminondas über den Atlantik segelten. Sie kamen aus Sargenroth, Dickenschied, Womrath, Holzbach, Aegenthal, Obercostenz, Dillendorf, Simmern, Dichtelbach, Mörschbach. Aus den Nachbarkreisen Kreuznach, St. Goar, Zell, Adenau und Mayen.

Bei Novo Hamburgo fanden wir das Grab von  Heinrich Jakob  Altmayer und Maria Magdalena, der Tochter von Johann Adam. Heinrich Jakob hat Maria Magdalene Kuhn in Brasilien geheiratet.

Im Niederländische Schifffahrtsmuseum in Amsterdam fanden wir die Monsterrolle für Zeevarende (Musterungsrolle). Hier haben wir ein wichtiges Indiz dafür, dass unsere Familie ohne Konsens, also schwarz das Weite suchte. Heinrich Jakob Altmayer, der spätere Schwiegersohn hat sich der Militärpflicht bei den Preußen entzogen. Heinrich Jakob hat Maria Magdalene Kuhn in Brasilien geheiratet.

Die „Faxinal do Courita”, eine einstige, königliche Flachs-Hanffabrik am linken Ufer des Flusses Sinos gelegen, diente als vorläufiges Einwandererhaus bis die Grundstücke aufgeteilt waren.

Südamerika

Die Auswanderung aus dem Tecklenburger Land nach Brasilien begann ungefähr um 1865. Angeregt wurden die Auswanderer durch den evangelischen Pfarrer Wilhelm Kleingünther aus Ibbenbüren. Er ging als deutscher Pfarrer nach Porto Alegre im Bundesstaat Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens. Er warb hier für die Auswanderung nach Brasilien, woraufhin mehrere Personen aus Leeden mit ihm gingen und den Ort Teutonia gründeten.

Jeder Auswanderer erhielt 300 Morgen Land für 300 Taler zugewiesen. Angebaut wurden Mais, Kartoffeln, Getreide, Kaffee, Tabak, schwarze Bohnen, Gemüse und Früchte.

Die Reise des Johann Adam Kuhn nach Brasilien

Von Helmut Kuhn

(der Bericht wurde verschiedentlich in brasilianischen Zeitungen veröffentlicht)

Als Johann Adam Kuhn, Bauernsohn und Weber, geboren in Hahn im Hunsrück, 1827 in die neue Welt aufbrach, träumte im nahen Trier der junge erst 9 jährige Rechtsanwaltssohn Karl Marx wohl noch nicht von der sozialen Frage und der Expropriation der Expropriateure. Dennoch waren die einfachen Menschen in dieser beginnenden, als Vormärz bezeichnenden Epoche zermürbt. Johann Adam war 1791 noch in die von den badischen Markgrafen beherrschte feudalistische Welt geboren. Er war gerade mal drei Jahre alt, da flohen die erlauchten Fürsten und die französische Armee besetzte den Hunsrück. Es begann die Besatzungszeit der Franzosen und deren zwei Jahrzehnte herrschende Fremdherrschaft in der Heimat. Der Hunsrück gehörte nun zum besetzten Département de Rhin-et-Moselle. Dann wurde es Nacht und die Preußen kamen. Ab 1815 gehörte der Hunsrück zur preußischen Rheinprovinz. Die neuen Tugenden waren nun Befehl, Kadavergehorsam und Demokratiefeindlichkeit, welche ihnen der Soldatenkönig aufzwang.

"Oh, König von Preußen, du großer Potentat, wie sind wir deines Dienstes so überdrüssig satt. Was fangen wir jetzt an in diesem Jammertal, allwo ist nichts zu finden als Not und lauter Qual."

Die Zeilen dieses Liedes gaben vermutlich die Stimmung seiner Untertanen im Hunsrück wider. Die Preußen begannen ihr Land in eine Militärgarnison zu verwandeln. Polen und Sachsen waren dem König wichtiger als die Lage der verarmten Hunsrücker, fernab irgendwo in der Rheinprovinz.

Oder wie es Walter Flex treffend formulierte: „Wer je auf Preußens Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört.“ In genau dieser Zeit der tiefsten Unzufriedenheit zogen Werber des brasilianischen Kaisers über den Hunsrück. Geleitet von einem aus Unterfranken stammenden Major von Schäffer weckten Agenten des Kaisers von Brasilien, die Sehnsucht der Menschen nach einer besseren Welt.

„Hunsrücker, der Kaiser von Brasilien, Dom Pedro I. hat mich beauftragt euch in sein Land einzuladen. In Brasilien gibt es genug Ackerland und Platz für euch alle. Niemand braucht zu hungern. Niemand wird von euch Steuern verlangen und euere Söhne müssen nicht zum Militär. Verlasst das Land der Armut. Das reiche Land Brasilien braucht euch!“
[..] „Nur 200 Rheinische Gulden kostet die Überfahrt für Männer. Weiber und Kinder die Hälfte. Etwa 75 extra für den Transport auf dem Rhein incl. Gepäck und Einschiffung.“ .

Das was die Werber verkündete, klang gut in den Ohren der Menschen im Hunsrück. Hatten sie doch nichts zu verlieren. 1824 sind die ersten Hunsrücker nach Brasilien ausgewandert und zahlreiche Briefe in die Heimat zeugten von Zuversicht und sorgten gleichfalls für ein flächenübergreifendes regelrechtes Auswanderungsfieber. So berichtet der Simmerner Landrat anfangs 1827 von einem Brief des „Seminaristen Peter Paul Müller aus Ohlweiler“ der 1825 ausgewandert war. Seine Schilderungen machten gezielt die Runde in den Hunsrückdörfern. Kesselflicker, Besenbinder und andere gewöhnlich gut informierte Kreise sorgten für deren bereitwillige Verbreitung.

„Hannes, Hannes, zieh mit mir, nach Brasilien wollen wir. In das Land so riesengroß, die Grumbiern wie en Kopp so groß.“ Dieses (Volks-)Lied, gesungen zur Drehorgel machte die Runde auf den Höhen zwischen Rhein, Mosel, Saar und Nahe und hat sich bis heute in Rio Grande do Sul erhalten. Der Simmerner Bürgermeister Rottmann (1799-1881) war auch bei Johann Adam für seine derben Sprüche bekannt. Später ließ er in einem Gedicht „Lisekett“ in Versform fragen: Willst Dau, Hannes, noh Bresilje ziehe, wo Deich Schlange unn die Affe kriehe?

Bereits 1825 finden wir in den ersten Einwanderer-Verzeichnissen Hunsrücker in den Listen des Kaiserreiches Brasilien. Viele Namen stammen aus dem östlichen Hunsrück. Der Landrat Schmidt aus Simmern berichtet im März 1825 in den ersten findbaren Unterlagen an die Regierung, von einer „Sucht“ der „Auswanderungsbegehren“, bei denen sich bereits 60 Familien gemeldet hätten. 1826 wurden es schon mehr, und schließlich greift ab 1827 die Bewegung wie ein Flächenbrand auf den weiteren Hunsrück zwischen Nahe und Mosel über. Sie erreicht die Moseldörfer bis Trier, die Eifel, Teile von Luxemburg werden erfasst und schließlich der Saargau bis zurück ins Sankt Wendeler Land. Die meisten Auswanderer verließen ihre Heimat im Besitz ordnungsgemäßer Papiere, das heißt, sie hatten auf dem zuständigen Amt einen Antrag zwecks Entlassung aus dem Staatsverband gestellt. Also als Staatenlose.

Vieles spricht dafür, dass Johann Adam Kuhn, seine Frau Anna Catharina geb. Hess geboren in Niederweiler und ihre Kinder Maria Magdalena und Johann Jakob, heimlich nach Brasilien reisten. Im erwähnten Bericht des Landrates an die „hochwohllöbliche Regierung“ wird vermerkt, dass „zur Werbung und zur Vorbereitung der Auswanderung  nach Brasilien“ in einzelnen Orten Versammlungen stattfanden. Zwei mit der Überwachung in Ohlweiler beauftragte Landjäger hätten erfahren: „Ein Schiffskapitän aus Amsterdam will die Auswanderungslustigen, wenn ihre Zahl auf 300 Köpfe und mehr beläuft, nach Rio de Janeiro bringen, gegen Bezahlung von 140 fl. (Florin rheinische Gulden) Die restlichen Reisekosten sollen zur Hälfte bei der Ankunft entrichtet werden. Der Termin ist zu Anfang des Maimonates festgesetzt und Boppard als der Einschiffungsort bestimmt.“ Wir erfahren, dass die Auswanderer von Boppard aus, um wegen mangelnden Pässen keine Anfechtungen zu befürchten, rheinabwärts direkt „mit kleineren Schiffen“ auf bereitliegende Seeschiffe in Amsterdam gebracht werden sollten.

Schließlich regelte Art. 5 des Ersten Pariser Friedens vom 30. März 1814 die Freiheit der Rheinschifffahrt „für jedermann von dem Punkt an, wo der Rhein schiffbar werde, bis zu seinem Ausfluss“. Mit Hinweis auf die Verfügung vom 24.04.1825 bedauerte der Herr Landrat, dass er sich nicht befugt hielte „irgend einen amtlichen Schritt gegen die Versammlung zu tun, die aus Leuten aus dem hiesigen Kreise und den benachbarten Kreisen, aus dem Regierungsbezirk Trier und den angrenzenden Nachbarstaaten bestand.“ Aber seiner wohllöblichen Regierung wollte er dennoch Anzeige von diesem Tun machen. Heute können wir dank umfänglichen Schilderungen in vielen Briefen in die Heimat wesentliche Details der Reise und auch der schwierigen Anfangsjahre unserer Hunsrücker nachvollziehen. So war Peter Tatsch aus Raversbeuren ein sehr schreibfreudiger Mann und seine Nachfahren verwahren dankenswerter Weise diese Dokumente heute noch auf. Carlos H. Hunsche der große brasilianische Einwandererhistoriker veröffentlichte  ein Brief der Gebrüder Kaiser an ihren daheimgebliebenen Bruder in Simmern unter Dhaun. Beide Dokumentensammlungen lassen uns ausführlich, erschöpfend und umfangreich die Reise nach Brasilien nachvollziehen. Sie sind ein Quellenmaterial erster Güte.

Der Tag war da. Die Menschen nahmen schweren Herzens Abschied von ihren Angehörigen und Freunden. Die Hoffnung auf bessere Zeiten war stärker als ihre Leidensfähigkeit. Es war ihnen bewusst, dass sie die geliebte Heimat mit den vertrauten Menschen nie mehr wieder sehen werden. Sie mussten sich von geschätzten, liebgewordenen Menschen trennen und von dem größten Teil ihrer spärlichen Habseligkeiten. Verwandte und Nachbarn brachten sie mit Ochsenkarren nach Boppard. Unterwegs, an weiteren Sammelpunkten, trafen sie sich mit weiteren Schicksalsgefährten. Allein diese Reise war bereits ein Abenteuer. Es galt sich ja auch zu schützen vor marodierenden Banden, die immer noch auf dem Hunsrück ihr Unwesen trieben. Wir können nur vermuten, wie hart der Abschied in Boppard war. Ein paar Schritte vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.
Allen war bewusst, dass von nun an auf immer und ewig alle Verbindungen abgebrochen wurden. Viele Bauersleute hatten noch nie ein Schiff gesehen. Die Kinder fanden es wohl aufregend als die Schiffsglocke der Heimat ein letztes Lebewohl zu läutete. Aus einem Brief von Peter Tatsch wissen wir, dass die Schiffer Peter Lewig und Josef Leineweber aus Bingen die Auswanderer stromabwärts bis Amsterdam brachten. Am 1. Juni 1827 bestiegen die Auswanderer in Boppard ihre Schiffe um rheinabwärts nach Amsterdam zu fahren. „Nun ade du mein lieb Heimatland…..“ wird wohl auch in Boppard zum Abschied erklungen sein.

Die Schiffsleute waren erfahren mit Reisen zu Berg und zu Tal. Ihr Schiff, eine Rhein-Aak hielt seit Jahren den Widrigkeiten um das Binger Loch und den Klippen am Mittelrhein stand. Zudem waren erfahren genug um bis zur Mündung des Rheinstromes zu fahren. Seit Jahren trieb man schließlich auch Handel zwischen dem Mittelrhein und Rhein-Anliegerstaaten. Amsterdam war ein vertrauter Hafen. Die Stadt Amsterdam und ihr Hafen waren seit Jahrhunderten eng miteinander verknüpft und ein Umschlaghafen für heimische Erzeugnisse.
Der Rumpf dieser Kähne war ein Plattboden mit einem leichten Kiel. Bug und Achterschiff waren damals rund. Back- und Steuerbords gab es zum Manövrieren lange, schmale Seitenschwerter.

Rheinabwärts, zu Tal, ging die Fahrt fließend. 8-10 km je Stunde bringt dabei ein Schiff im Gebirge. Schiffer und Flößer vom Mittelrhein fuhren seit Jahrhunderten, in alter Schiffertradition ebenso bereits bis zur Mündung. Wie wir lesen, machten unsere beiden Rheinschiffer aus Bingen einen guten Job und brachten die Hunsrücker ordentlich nach Holland.

Die Verwandtschaft von Peter Tatsch aus Raversbeuren haben dankenswerter Weise sämtliche Briefe archiviert, gepflegt und transkribiert. So wissen wir aus einem Brief von ihm, den er am 15. Juni 1827 aus Amsterdam in die Heimat schickte, dass sie am Tag darauf an Bord des Seglers „Epaminondas“ gegangen sind. Also zwei Wochen nach Abreise in Boppard am Rhein.

„Bisher ist noch nichts Merkwürdiges passiert, außer dass die Frau eines gewissen Fallers aus Niederweiler hier in Amsterdam verstorben ist.“ so berichtete er in die Heimat. Ob die arme Ehefrau und Mutter an gebrochenen Herzen oder an einer der grassierenden, infektiösen Krankheiten gestorben ist, welche sich in den Hafenstädten breit machten, liegt im Dunkeln. Im Verlauf der Recherchen fand man die Totenliste, in der als Sterbeort von drei Frauen der Gruppe, schon „Im Texel“ angegeben wird. Der westlichste der Westfriesischen Inseln. Also bereits vier Tote, bevor es auf große Fahrt ging! Der schlechte Ernährungszustand machte die Menschen offensichtlich auch anfällig für Krankheiten. Hatten sie sich doch die Reise vom Mund abgespart.

„Wenn die Cholera grassiert reichten die Leichenwagen in der Stadt nicht aus um die Toten fortzuschaffen“, heißt es in einem damaligen Bericht der Amsterdamer Gesundheitspolizei. Hafenstädte jener Zeit wurden periodisch von schlimmen Krankheiten heimgesucht, die zumeist auf dem Seeweg aus allen Erdteilen eingeschleppt wurden. Cholera, das „Gelbe Fieber“, wütete bereits, bevor die Behörden an ihr Vorhandensein glaubten. Mangels Kanalisation floss das Abwasser in Kanäle und Krachten, verseuchte das Trinkwasser. Die Seefahrer fürchteten die zahllosen Gelbfieber.- Pest,- und Cholerahäfen, zu denen auch Amsterdam einst zählte. Wegen mangelnder Hygiene waren die Seuchen ständige Begleiter zwischen den Schiffsplanken. Ratten vermehrten sich ebenso reichlich. Flöhe und Läuse nisteten sich ein und übertrugen Krankheiten. Die Plagegeister zählten zu den ständigen Passagieren. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war auch der Skorbut eine geradezu typische Erkrankung auf Segelschiffen in aller Welt. Vitaminmangel während langen Reisen rafften ganze Besatzungen dahin. Wasser wurde in Fässern und hölzernen Tanks mitgenommen, in denen es bei längeren Seereisen faulte und sich Keime entwickelten. Dies führte zu grassierendem "Schiffsfieber" (Typhus) und anderen, bösartigen Krankheiten unter Passagieren und Besatzungen.

Nun ging es an Bord. Unsere Ahnen tauschten die Kümmernisse der Heimat gegen die Stürme des Meeres. Als Fracht, nicht als Menschen. Dicht gedrängt auf engstem Raum im Zwischendeck, oft ohne Tageslicht und Frischluft wurde die Reise angetreten. Passagiere als Ware und Ladungsgegenstände. Der Angstschweiß vermischte sich ständig mit den Hinterlassenschaften der Seekrankheit. Der süße Gestank der faulenden Lebensmittel konnte dies nicht überdecken. Vor diesen Symptomen einer längeren Leidenskette war kaum jemand gefeit. Hinzu kam die Seekrankheit.

Zwischen den Jahren 1824 bis 1829 kamen 27 Auswandererschiffe in Rio de Janeiro an. Chronisten berichten dabei über zahlreiche Unglücksfahrten. Heinz Schmidt, ein befreundeter brasilianischer Forscher, der sich sehr intensiv mit der Auswanderung in dieser Zeit beschäftigte, fand in Aufzeichnungen u.a. bei Carlos Hunsche heraus, dass ausweislich eines Briefes der Kolonistenbrüder Kayser in die Heimat, das Schiff Epaminondas unter Kapitän Coneraad Brandligt am 7. Juli 1827 im Texel bei Amsterdam die Anker lichtete und am 28. September Rio de Janeiro erreichte.
Das Stadtarchiv in Amsterdam bewahrt die „Monsterrolle voor de Zeevarenden“ und überließ dankenswerter Weise dem Verfasser eine Kopie dieser wichtigen Urkunde. Das Dokument enthält die Namen von 23 Besatzungsmitgliedern des unter holländischer Flagge segelnden Schiffes einschließlich des Kapitäns, datiert vom 1. Juni 1827. Weitere Recherchen ergaben, dass sich in der Zeitung „Amsterdamsche Courant“ unter der lokalen Rubrik „Schiffahrtsnachrichten“ am 9. Juli 1827 die Meldung befindet: „dass viele Deutsche in der Stadt angekommen sind, mit der Absicht nach Amerika auszuwandern.“ Schließlich existiert ein weiteres Dokument, nämlich der Reisepass des Auswanderers Phillipp Fuchs, der auf der Rückseite die Erlaubnis der Behörden aus Amsterdam vom 4. Juli 1827 enthält, mit seiner Familie auswandern zu dürfen. Hunsche schlussfolgert auf Grund der starken Besatzung, dass die Epaminondas ein beträchtlich großes Schiff war. Er stellte ebenso fest, es unter holländischer Flagge segelte. Möglicherweise war es ein Dreimaster. Es ist anzunehmen, dass in dessen Windschatten weitere Auswanderer mit dem Schiff „Fliegender Adler“ (am 16.12.1827 in Sao Leopoldo gelandet) die weite Reise angetreten haben. Schmidt verwies auf Hinweise von Hunsche über die Existenz einer Urkunde aus Rio de Janeiro, aus der hervorgeht, dass die brasilianische Regierung dem Kapitän Brandligth „12.089 florins und 17 stubas für die Verfrachtung zahlte. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass diese Summe nur ein Teil der Reisezahlungen war. Es lässt aber auch vermuten, dass die Auswanderer vor der Abfahrt in Amsterdam dem Kapitän ebenfalls Zahlungen leisten mussten. Auf Anfrage bestätigte das Niederländische Schifffahrtsmuseum in Amsterdam die Abreise- und Ankunftsdaten. Der Direktor des Maritimmuseums auf der Nordseeinsel Texel stellt fest: „Eine Runde in unserem Archiv hat folgendes ergeben: Die Epaminondas war ein Linienschiff, welches noch laut dem letzten Emigrationsrapport bis 1857 auf New York fuhr. Die Segelschiffe kamen erst nach Texel, um Trinkwasser und Proviant zu bunkern. Manchmal kam auch ein Teil der Besatzung hier an Bord und wartete dann auf der Reede von Texel bis Ostwind kam und gesegelt werden konnte.“

Mit Sicherheit wissen wir, dass dieses unter holländischer Flagge segelnde Schiff nicht auf der Charter-Liste des Major von Schäffer stand. Dessen Segler kamen mehrheitlich zu jener Zeit aus Bremen. Erinnern wir uns an den Bericht des Landrates von Simmern, dass ein „Schiffskapitän aus Amsterdam“ 140 fl Rheinische Gulden für die Passage nach Rio de Janeiro verlangt hätte. Ein Auswanderer aus Ohlweiler schrieb, dass der Kaiser von Brasilien überrascht war, dass sie „ohne sein und des Major Schäffers Bewusstsein gekommen wären.“ J. von Olfers, der damalige preußische Vertreter in Rio berichtete: “Vom Rhein sind einige hundert Kolonisten angekommen, meist brave Leute, Handwerker und Landbauern. Der holländische Schiffsführer habe sie schlecht behandelt und die armen Leute sehr geprellt.“

Pater Amstaadt schreibt in „Hundert Jahre Deutschtum in Brasilien“, dass 1827 zwei Schiffe mit 1088 Kolonisten angetroffen sind. Berichte von sieben Unglücksschiffen unter 50 Überseefahrten zwischen 1824 und 1830 zeugen von den Gefahren einer Atlantiküberquerung. Die Seefahrt ging von Texel entlang an Klippen und Felsen durch den Kanal bei Calais vorbei an der Insel Wight. Captain Brandligth wusste woher der Wind weht. Vorbei an Porto Santo, die Kanaren bei Palma kreuzen. Dann durch den Golf von Biskaya mit seinen bekannten Gefahren. Holländische Kapitäne landeten meist bei der zu Porto Praijo gehörenden Festung San Jago auf den Kapverdischen Inseln. Sie war Teil ihres Königreiches. Hier wurde noch einmal vor der großen, langen Überfahrt Wasser und Nahrungsmittel gebunkert. Die Kapverden, unweit der afrikanischen Küste gelegen, galten als Drehscheibe des Sklavenhandels während der Kolonialzeit. Mit Unterstützung des Nordost Passatwinds ging es hart Steuerbord auf die Südatlantikroute. Selbst erfahrene Gebieter über Sextant und Kompass fürchteten die wütenden Stürme und damit einhergehenden haushohen Wellen. Unzählige Seemannsgräber säumen diesen Breitengrad. Mit zunehmenden Windgeschwindigkeiten und prallen Segeln ging es Richtung „Neuer Welt“. Vieles spricht dafür, dass die Epaminondas zuvor als Sklavenschiff zwischen Afrika und Amerika segelte. Auf der Reise fanden weitere 37 unserer Auswanderer ein Grab auf dem Grunde des Ozeans.

In seiner Reisebeschreibung lesen wir bei Schumacher: „Die bedauernswerten wurden unmittelbar nach ihrem Tod, um Ansteckungen zu verhindern, in Leinwand gewickelt und unmittelbar über Bord gesetzt und unter dem bei entblößtem Haupte gehaltenen Gebet Aller, in den Wellen begraben.[…] Krankenlokale wurden täglich ausgeräuchert um die Gesundheit der Leute zu erhalten.“

Einige litten furchtbar und starben an Blattern, für welche es keine Medikamenten an Bord gab. Standartmedikamente an Bord waren Salmiak, Brust- und Nierentee sowie die Allheilmittel Rizinusöl und Bittersalz.

Im Amtsblatt Nr. 35, vom 26. August 1828 in Coblenz, lesen wir, dass im Zusammenhang mit der Überfahrt der Epaminondas von den 558 Auswanderern insgesamt 49 namentlich aufgeführte Personen verstorben sind. 1 Person auf der Rheinfahrt. 3 Personen „Im Texel“. 37 Personen „in See“ und 8 „Zu Rio“. Bei Carlos H. Hunsche lesen wir in seinem Artikel: “Vor 150 Jahren in São Leopoldo“ Zitate aus einem Brief der Gebrüder Kayser aus Simmern unter Daun an den daheimgebliebenen Bruder. Die Brüder Johannes, Peter und Nikolaus Kayser berichteten traurig nach Simmern: „Unter der Sonnenlinie starb auf dem Weltmeer Deines Bruders Tochter, Philipine, im zarten Alter von sechseinhalb Jahren und vier Tagen. Danach verschied gleichfalls auf offener See die Schwester unserer Mutter. Das Grab dieser Teuren und Geliebten wurden die Wellen des Meeres; doch ihr Geist schwebt längst verklärt vor Gottes Angesicht.“ Hunsche stellt fest: „ Mit unerschütterlichen Gottesglauben ertrugen damals die Familie Kayser die schwersten Schicksalsschläge. Sie verloren auf der Ozeanreise nicht nur die kleine Tochter und die mitfahrende Tante, sondern auch beide Eltern.“

Endlich! Wer schon einmal den Zuckerhut und Corcovado erlebt hat, kann nachvollziehen, was unsere Hunsrücker empfanden, als sie in die Guanabara Bucht von Rio de Janeiro segelten. Sie waren endlich dem Ziel ihrer Träume näher gekommen und hatten die unsäglichen Strapazen der Atlantiküberquerung überwunden. Ängste und Nöte der langen Überfahrt traten in den Hintergrund. Fortan waren sie Kolonisten. Dies stand schwarz auf weiß mit großen Lettern auf der Urkunde, welche sie von der Einwanderungsbehörde überreicht bekamen. Im Namen des Regenten Kaisers Dom Pedro I. aus dem Hause Bragança wurden sie willkommen geheißen Der Kaiser, mit seiner Gemahlin, hatte großes Interesse daran, dass die Siedler ordentlich aufgenommen wurden. Gleichwohl war der Abgesandte überrascht, dass die Epaminondas ohne die Organisation des Major von Schäffer nach Brasilien kam.

Nach einer Woche Aufenthalt, 8 Tote mussten noch in Würde beigesetzt werden, ging es dann zur Endstation Sehnsucht. Die Kolonisten bestiegen das Küstenschiff „Dido“ unter Captain José Gomen Cardia nach Porto Alegre (Fröhlicher Hafen) im Staate Rio Grande do Sul. Am Rio dos Sinos lagen zwei kaiserliche Besitzungen.

In der Urwaldpikade Baumschneis bei Dois Irmáos feierten die Familien bereits auf eigenem Grund und Boden das Weihnachtsfest. Übrigens heiratete die 14jährige Tochter ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft den Heinrich Jakob Altmayer aus Dillendorf. Diese "Vernunftsehe" bewahrte den ledigen Burschen davor, im hinteren Urwald zu siedeln, denn nur Verheiratete erhielten abgesteckte Kolonielose vorne im Tal. Maria Magdalena starb im Greisenalter von 87 Jahren und hinterließ 13 Kinder. Man kann nur erahnen von wie viel Brasilianern sie heute die Stammmutter ist. Nach hundert Jahren waren es 1005 Nachfahren, welche Hunsrücker Gene in sich trugen. Danach hat man nicht mehr gezählt.

Die Eheleute Jakob Kuhn brachten es nur auf acht Kinder, aber immerhin auch auf 629 Nachkommen in 100 Jahren
Mit der Familie seines Sohnes Jakob siedelte der alte Kolonist nach dreißig Jahren in die damals neu angelegte Kolonie Estrela.

Bei Arroio do Ouro erwarben sie, zwischenzeitlich wohlhabend, 5 Landstücke für die Söhne. Heute halten Nachfahren von Johann Adam Kuhn aus Brasilien und ihrer Verwandtschaft aus Deutschland regen Kontakt und besucht sich gegenseitig. Bei Familientreffen fanden sich in Missiones/Argentinien und in Arroio do Meio/Brasilien beim ersten Mal 450 und beim zweiten Mal 500 Namensträger Kuhn ein. Dabei hatten Familienforscher Hochkonjunktur und konnten die Teilnehmer endlich den unterschiedlichen Familienstämmen zuordnen. Bei vielen wurde dadurch das Klettern im eigenen Stammbaum zu einer neuen Leidenschaft.